Interview mit Brigitte Riebe

 

_DSC3694Liebe Brigitte Riebe, ich habe auf Ihrer Homepage gesehen, dass Sie bisher schon zahlreiche Veröffentlichungen für sich verbuchen können. Wie schaffen Sie es, dieses Pensum zu bewältigen?

Na ja, das „Pensum“ erstreckt sich inzwischen über 24 Jahre … da ich ausschließlich vom Schreiben lebe, ist es gar nicht so riesig, finde ich. Es gibt einfach nichts auf dieser Welt, das ich lieber tue (mit Ausnahme von lesen, aber das kann/muss ich ja für diesen Beruf in großem Ausmaß). Außerdem bin ich ein neugieriger Mensch. Und immer wieder neue Geschichten zu erzählen, macht mir große Freude. 

Ihr aktueller Roman „Die Versuchung der Pestmagd“ spielt in Mainz. Warum haben Sie sich gerade diese Stadt als Handlungsschauplatz ausgewählt?

Mainz musste sein, weil ich die faszinierende Gestalt des Kurfürsten Albrecht von Brandenburg erzählen wollte – Lutherfeind, Kunstmäzen, Unterstützer des Jesuitenordens, Renaissancefürst, wie er im Buch steht, Kardinal – und allen Weiberröcken hinterher. Was ihm letztlich nicht gut bekommen ist. Wir gehen heute davon aus, dass ihn die Syphilis (damals noch „Lustseuche“ oder „Französische“, „Englische“ oder „Italienische Krankheit genannt, je nachdem, wie man war, dahingerafft hat – und der residierte nun mal in Mainz. Meine Hauptprotagonisten Johanna und ihr Lebensgefährte, der Medicus Vincent de Vries, mussten aus Köln fliehen, wo der Vorgängerband „Die Pestmagd“ spielt.

Was hat Sie dazu inspiriert, sich in Ihrem Roman den Pocken zu widmen?

Neben der Pest waren die Pocken – auch Blattern genannt – eine der schlimmsten Seuchen, die über Jahrhunderte das Leben der Menschen bedroht haben. Traten sie gar als „Schwarze Blattern auf, starb man innerhalb von 48 Stunden. Es gab kein Gegenmittel, außer sofortiger Flucht. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Impfung in Europa bekannt (die Chinesen begannen damit bereits ab dem 6. Jahrhundert zu experimentieren). Jeden konnte sie treffen – egal, ob jung oder alt, reich oder arm – Marie Antionette kam als Braut für den französischen Dauphin nur an die Reihe, weil die Pocken zwei ihrer älteren Schwestern entstellt und damit als Heiratsware „unbrauchbar“ gemacht hatten. Wenn man also überlebte, war man ein Leben lang gezeichnet.  

Sie haben in der Recherche sicherlich einen großen Vorteil wegen ihres Studiums, wie aber lässt sich das in Geschichten kleiden?

Ein geisteswissenschaftliches Studium bietet die Grundlagen von Literaturbeschaffung und –verwertung, da ist die Fachrichtung gar nicht zu entscheidend. Und ein Studium der Geschichte ist eine wunderbare Grundlage, weil einfach Zusammenhänge klarer sind, die ich tatsächlich in einigen anderen angeblich „historischen“ Romanen schmerzlich vermisse. Dann aber muss auch ich bei jedem Thema von neuem in die Tiefe gehen – sehr arbeitsintensiv –,wenn ich das Gerüst mit Leben füllen möchte. Ich finde, das haben die Leser von historischen Romanen verdient: keine hingeschluderten „Vermutungen“, sondern echte Informationen, die in Romanstoff gut verpackt sind. Wenn ich einen historischen Roman lese, will ich nicht nur gut unterhalten sein, sondern „nachher“ deutlich mehr wissen. Das ist mein Anspruch. So schreibe ich meine Texte.

Sie sind promovierte Historikern. Was jedoch war der Auslöser Autorin zu werden? Und wie kam es dann zu Ihrer ersten Veröffentlichung?

Ich habe schon mit 5 Jahren begonnen, anderen Kindern Geschichten zu erzählen, habe mit 8 meinen ersten „Roman“ in ein Schulheft geschrieben, auf dem Gymnasium Kurzgeschichten und kleine Theaterstücke verfasst, nach dem Abi Germanistik studiert, weil ich die Literatur so liebe – um dann auf der Uni festzustellen, dass Geschichte für mich noch eine größere, heißere Liebe ist. Deshalb habe ich mir auch dieses Fach für meine Promotion ausgesucht und während ihrer Entstehung über zwei Jahre wohl eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens erlebt. Forschen und Schreiben – das war der Himmel für mich, und ich musste ordentlich schlucken, als ich nach dieser freien, kreativen Phase schließlich ins Berufsleben einsteigen musste. Allerdings habe ich die Arbeit im Verlag als Lektorin auch sehr gemocht – nur wurde der Wunsch, selbst zu schreiben, immer stärker. Den letzten Anstoß hat für mich wahrscheinlich die Begegnung mit dem wunderbaren Filmemacher Edgar Reitz gegeben, mit dem mich inzwischen eine 30jährige Freundschaft verbindet: sich selbst treu zu bleiben und genau das zu tun, was man tun will – von ihm in seinem weltberühmten HEIMAT-Werk so grandios bewältigt.

Ich habe mich seit meiner Kindheit für griechische (und andere) Mythen interessiert und vermutlich alles „gefressen“, was es dazu gibt. So kam ich notgedrungen auf die Werke von Ranke-Graves – und plötzlich wurde mir klar, dass das, was wir über das kretische Labyrinth bislang vorgesetzt bekamen, bestenfalls eine Seite der Medaille ist. Da mir die Insel mit der großen Geschichte auch von zahlreichen Reisen bestens bekannt war – wurde an einem sonnigen Sonntag die Idee für „Palast der blauen Delphine geboren“ – nicht nur die Geschichte von der Initiation des Lilienprinzens. Sondern gleichzeitig auch meine persönliche Initiation …

Und weil alles dauerte, bis der Roman mit Überarbeitungen und dem Finden des richtigen Verlags schließlich fertig war, wurden zwischendrin  die Krimis meiner Sina-Teufel-Reihe geboren … 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten in die Vergangenheit zu reisen, welche Zeit würde Sie am meisten reizen bzw. bei welchem historischen Ereignis wären Sie gerne dabei  gewesen?

Eindeutig die Französische Revolution – trotz aller Schrecknisse! Ich bin eine leidenschaftliche Anhängerin der Aufklärung, weil für mich erst damit die Moderne so richtig beginnt.  Also: Brigitte mittendrin im Sturm auf die Bastille – das wäre was! 

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Schreibtag aus?

Lang und intensiv … meistens -…

Legen Sie den Handlungsstrang im Vorfeld fest oder entwickelt sich Ihre Geschichte beim Schreiben?

Beides. Die großen Linien werden natürlich im Vorfeld konzipiert, aber vieles entsteht dann während des Schreibens. Figuren entwickeln ein Eigenleben, meine tun das jedenfalls, und lassen sich dann nicht immer so bewegen, wie ich es ursprünglich geplant hatte. Außerdem gibt es in jedem Werk – so war es jedenfalls bislang – eine Nebenfigur, die mehr Raum für sich beansprucht, als ich ihr eigentlich anfangs zugestehen wollte. Ich lasse mich dann darauf ein – und hab es bislang noch nie bereit …

Die Romane „Die Kalte Sofie“ und „Vogelfrei“ haben Sie zusammen mit Gesine Hirsch geschrieben. Wie klappt so eine Zusammenarbeit, wenn man bereits alleine Geschichten veröffentlicht hat? Gibt es da nicht auch Konfliktpotential, weil man eben nicht sein eigener Herr ist?

Wir sind Freundinnen seit 25 Jahren, schätzen und lieben uns, das ist die allerbeste Grundlage: Sie kommt von Drehbuch, war Headautorin des Quotenhits des BR „Dahoam is dahoam“, ich bringe meine Erfahrung als Romanschriftsellerin ein – also allerbeste Voraussetzungen. Manchmal diskutieren wir, bis uns die Köpfe rauchen, dann wieder lachen wir uns halb kaputt. Jede vertraut der anderen. Und Streit? Welcher Streit???
Nicht bei der „Gruberin“!

Planen Sie weitere Projekte mit Gesine Hirsch?

Die „Gruberin“ sitzt gerade am 3. Fall „Blaues Blut“ –erscheint August 2015 …  

Mit „Feuer & Glas“ haben Sie sich an einen fantastischen Roman für junge Leser gewagt. Wie kam es zu dem Genrewechsel?

Weil ich so  gern „Historie“ auch für junge Menschen erzählen wollte. Und da die Kids jetzt alle so fantasylastig unterwegs sind, habe ich eben noch einen kräftigen Schuss Fantastik mit hinein gemischt. „Fantory“ so hat Arndt Stroscher von Astrolibrium“ das genannt – und ich finde, es gibt keine bessere Bezeichnungen für meine beiden Romane, die in Venedig (ein Traum!) und Istanbul (die Stadt der Städte“) spielen …

Lesen übrigens auch viele Erwachsene  mit großem Vergnügen …  

Haben Sie schon weitere Projekte in Arbeit?

Aber natürlich … alles leider noch streng geheim … 

Wenn Sie schreiben – wie kann ich mir das vorstellen? Schlüpfen Sie in gewisser Weise in die Rolle ihrer Pseudonyme oder sind die Pseudonyme nur zur besseren Abgrenzung für den Leser gedacht? 

Pseudonyme sind Verlagsentscheidungen, weil sie hoffen, damit bestimmt Bücher leichter an gewisse Zielgruppen zu bringen, ohne Autorennamen zu sehr „auszuwalzen“. Also sich das bitte nicht zu romantisch vorstellen …

Liebe Brigitte, ich bedanke mich sehr herzlich für deine Zeit und wünsche dir – auch im Namen meiner Blogleser – alles Gute für weitere Projekte!

Die Bücher aus der Verlosung gehen an
Tanja Griesenauer
Andrea Hausmann

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

© Ricarda Ohligschläger
© Autorenfoto: Schelke Umbach

 


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