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Archiv für die Kategorie ‘AutorInneninterviews’

NeleCollageLiebe Nele Neuhaus, da Sie ja sehr viele Lesungen veranstalten,  Pressetermine wahrnehmen müssen und auch Interviews geben, würde mich mal interessieren, wann Sie da überhaupt noch Zeit finden sich einem neuen Buchprojekt zu widmen. Und wie koordinieren Sie all das?

Das Leben einer Autorin hat zwei grundlegend verschiedene Gesichter: auf der einen Seite gibt es die Zeit des Schreibens und Recherchierens, und auf der anderen Seite die Öffentlichkeit mit Lesungen, Presseterminen und Signierstunden. Früher, als ich das Schreiben noch als Hobby neben meiner Arbeit betrieben habe, war es sehr anstrengend, denn diese beiden Gebiete ließen sich nicht klar voneinander abgrenzen.  Heute kann und muss ich meine Zeit straffer organisieren und – so leid mir das oft tut – in der Zeit der Manuskriptarbeit Lesungen ablehnen. Es gilt ja nicht nur Abgabetermine einzuhalten, die Arbeit an einem Manuskript ist viel komplexer. Man setzt sich ja nicht hin und schreibt drauflos. Für mich sind auch Phasen des Nachdenkens wichtig, des Ruhigwerdens, da kann ich keine Ablenkung durch Termine gebrauchen. Ist aber ein Buch erschienen, widme ich mich ganz und gar meinen Fans, der Presse und Öffentlichkeit und reise gerne kreuz und quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. In dieser Zeit versuche ich überhaupt nicht, irgendetwas konstruktives zu arbeiten, aber natürlich arbeitet mein Kopf immer weiter an neuen Ideen und ich halte Augen und Ohren offen, denn meine Inspirationen kommen aus dem Alltag, aus Begegnungen, Gesprächen.

Recherche ist bei den meisten Krimis ein großes Thema. Wie sieht dieser Teil der Arbeit bei Ihnen aus?

Die Recherche ist ein extrem spannender Teil meiner Arbeit. Wenn ich mein Thema gefunden habe, geht es los: Internet, Bücher lesen, Gespräche führen. Oft ergeben sich daraus Ideen für neue Wendungen in einer Geschichte oder gar die Idee für ein nächstes Projekt. Mittlerweile muss ich – was die Rechtsmedizin oder die Arbeit der Polizei betrifft – nicht mehr unbedingt mit Fachleuten sprechen, ich habe bereits sehr viele Informationen, die ich verwenden kann und sehr viel Literatur zum Thema Forensik und Rechtsmedizin, auf die ich zurückgreifen kann. Heutzutage öffnen sich mir auch viel leichter Türen, wenn ich mit jemandem sprechen möchte. Früher war das schon schwieriger. Ich habe aber auch im Bezug auf Recherche viel gelernt, recherchiere sehr zielgerichtet und überlege mir vorher, wo ich hin will, was ich wissen möchte.

Ihre Bücher sind ja recht komplex konzipiert. Wie gehen Sie an das Schreiben Ihrer Exposés heran? Arbeiten Sie mit Karteikarten, mit einem Schreibprogramm oder “old school” mit Block und Stift?

Es ist eine Mixtur aus allem. Ich denke, jeder Autor entwickelt mit der Zeit sein eigenes System. Ich skizziere erste Ideen auf Schmierzetteln, die dann an der Wand neben meinem Schreibtisch an ein Korkbrett gepinnt werden. Steht der grobe Plot fest, beginne ich damit, die Charaktere zu entwickeln, überlege mir Namen, Lebensläufe, Charakteristika, Aussehen, Vorlieben, Abneigungen etc. Bis dahin habe ich den PC noch nicht benutzt, das geht alles handschriftlich. Erst dann fange ich an, den Plot auszuarbeiten, mache mir einen Szenenplan, ähnlich wie ein sehr detailliertes Drehbuch, den ich in WORD in eine Tabelle schreibe. Das alles dauert ein paar Monate. Zwischendurch bespreche ich mich mit meiner Lektorin und mein Lebensgefährte spielt auch eine wichtige Rolle, denn ihm erzähle ich immer mal meine Ideen und höre mir seine Meinung dazu an. Wenn alles „steht“, fange ich mit dem Schreiben an. Dafür habe ich aber kein spezielles Schreibprogramm, das irritiert mich zu sehr. Ich habe vor Jahren mal Final Draft für Drehbücher ausprobiert, aber da muss man so viel Informationen vorab eingeben, das war mir zu viel Arbeit. Ich tippe einfach am PC los.

Wie sind die Titel Ihrer Bücher entstanden? Waren das eigene Ideen oder wurden diese in Zusammenarbeit mit dem Verlag ausgewählt?

Bis auf „Tiefe Wunden“ waren alle Titel meine Idee und wurden vom Verlag akzeptiert. Bei „Böser Wolf“ und „Wer Wind sät“ waren die Arbeitstitel dann auch die Titel, die schließlich genommen wurden. Der Arbeitstitel von Schneewittchen war ursprünglich „Hexenjagd“, aber dieser Titel war durch einen weitaus berühmteren Kollegen von mir bereits belegt, außerdem hätte er zu viel über den Inhalt des Buches verraten. „Schneewittchen muss sterben“ ist mir beim Schreiben eingefallen und ich hatte dann praktischerweise die Möglichkeit, das thematisch mit in den Plot aufzunehmen.

Gibt es Themen, über die Sie nie schreiben würden? Und wenn ja welche wären das?

Das ist schwer zu sagen. Ich wollte z.B. nie über das Thema Kindesmissbrauch schreiben, habe es aber in „Böser Wolf“ doch getan. Ein Thema muss mich faszinieren und fesseln, außerdem muss sich eine Geschichte um dieses Thema herum erzählen lassen. Ich mag Themen, die ein wenig gesellschaftskritisch sind, aktuell. Das Spektrum ist gewaltig und ich muss immer etwas finden, was mich für mindestens ein Jahr selbst neugierig macht.

 Die Charaktere in Ihren Büchern sind großartig gestaltet. Wenn man die letzte Seite umklappt und das Buch aus der Hand legt, fühlt es sich an, als würde man sich von guten Bekannten verabschieden müssen. Woher nehmen Sie die ganzen Ideen? Haben Pia, Bodenstein und Co. irgendwelche Lehnfiguren im realen Leben, die Sie beim Schreiben vor Augen haben, oder entspringen sie nur Ihrer Phantasie?

Danke für das Kompliment! Das freut mich sehr! :-)
Ich lege sehr großen Wert auf eine sorgfältige Entwicklung einer Figur. Oft tut es mir selbst sehr leid, wenn ich ein Buch beendet habe und mich von den Charakteren verabschieden muss. Hin und wieder habe ich schon überlegt, ob ich sie nicht weiter „mitspielen“ lassen kann, aber das ist schwierig, denn bei der ohnehin hohen Personendichte meiner Bücher wären diese dann irgendwann hoffnungslos überfrachtet. Reale Vorbilder habe ich so gut wie nie. Das möchte ich auch nicht, denn ich will in meiner Fantasie und der Ausgestaltung so frei wie möglich bleiben. Aber selbstverständlich werden meine Figuren vom alltäglichen Leben und von Begegnungen mit Menschen beeinflusst, denn ich bin eine sehr aufmerksame Beobachterin und mag es. Pia Kirchhoff zum Beispiel hat immer ein bisschen was von mir selbst. Letzten Sommer, als ich an „Böser Wolf“ schrieb, grillte mein Lebensgefährte abends gerne mal Zucchini und Auberginen für uns und so durfte Pia dasselbe tun.

Ist es für Sie sehr aufregend wenn ihre Bücher verfilmt werden? Ich als Leser gebe den Figuren in Büchern Gesichter und als Autor ist das doch bestimmt genauso, oder?

Als die ersten Anfragen und Angebote von Filmproduktionsgesellschaften beim Verlag eintrafen, war es aufregend und ich dachte, das sei eine tolle Chance. Wenn ich schreibe, läuft vor meinem inneren Auge immer ein Film ab und auch, wenn ich meine Figuren nicht richtig vor mir sehe, so weiß ich doch, wie sie sich bewegen, wie sie reden, ich sehe ihr Mimik und Gestik vor mir. Ich war mir, trotz Warnungen von Kollegen, nicht darüber bewusst, wie groß das Risiko ist, diese „Kopfbilder“ in reale Bilder umwandeln zu lassen und das auch noch von Menschen, die meine Bücher nicht mal gelesen haben.

Sind Sie zufrieden mit der Verfilmung Ihrer Krimis? Hatten Sie Mitspracherecht?

Nein, ich bin nicht zufrieden. Es wäre so viel besser gegangen. Leider gehören die Rechte meiner Bücher dem Verlag und der hat sie verkauft. In den Verträgen steht zwar etwas davon, dass ich Drehbücher vorgelegt bekäme und diese im Bezug auf Werktreue kommentieren dürfe, die Realität ist aber eine andere. Man gibt alles aus der Hand und ist einfach nur hilflos. Ich bin und war sehr enttäuscht, und überlege gut, ob und wenn ja an wen ich weitere Filmrechte abgebe. Glücklicherweise habe ich insofern ein Mitspracherecht, als dass ich dem Verkauf von Filmrechten widersprechen kann. Jetzt kommt ja am 13. Mai „Eine unbeliebte Frau“ im ZDF, danach werden noch „Mordsfreunde“ und „Tiefe Wunden“ verfilmt. Wenn das auch so wenig meinen Vorstellungen entspricht wie die katastrophale Schneewittchen-Verfilmung, dann wird es zukünftig keine Filmadaptionen meiner Taunus-Krimis mehr geben.  Bei „Unter Haien“ gehören mir die Filmrechte selbst, da verhandeln wir gerade. Und wenn in den Verträgen nicht drinsteht was ich drin haben möchte, dann unterschreibe ich nicht und es gibt keinen Film. Meine Bücher sind mir ohnehin wichtiger.

Wie haben Sie es geschafft, an einen großen Verlag zu kommen und wie erging es Ihnen in der Anfangszeit, als sie noch nicht bekannt waren?

Der Verlag kam an mich! :-)
Meine ersten drei Bücher habe ich ja quasi selbst verlegt und mit Unterstützung des BoD-Verlages Monsenstein & Vannerdat (www.ruckzuckbuch.de) drucken lassen. Zuerst habe ich die Bücher nur in meiner Heimatregion verkauft, das eine oder andere Buch wurde auch mal via Amazon bestellt. Nach und nach wurden die Buchhändler auf mich aufmerksam, denn ich bekam gute Kritiken in der lokalen und regionalen Presse und es sprach sich herum, dass es Krimis gibt, die im Taunus spielen. Ich machte Lesungen, zuerst vor drei oder vier Leuten, später war schon mal ein Saal mit 50 Gästen ausverkauft. „Mordsfreunde“ lief dann im Weihnachtsgeschäft 2007 so gut, dass ein Buchhändler einer Vertreterin des Ullstein-Verlages ein Exemplar mitgab. Die gab es im Verlag einer Lektorin, die war begeistert und meldete sich bei mir. So kam es zur Zusammenarbeit. Ein Jahr später erschien „Tiefe Wunden“, Ullstein übernahm „Eine unbeliebte Frau“ und „Mordsfreunde“ in die Backlist. Tja, der Rest ist mittlerweile Geschichte, obwohl es noch gar nicht soooo lange her ist!

Mir ist aufgefallen, dass von Ihnen ganz oft auf anderen Buchcovern ihre Meinung steht.  Wie kommt es, dass sie dafür ausgewählt wurden und wie schaffen Sie neben einem ausgefüllten Terminplan noch andere Bücher zu lesen? 

Diese so genannten „Quotes“ oder „Blurbs“ gebe ich gerne ab, wenn mich befreundete Autoren, mein Verlag oder sogar andere Verlage darum bitten. Oft lese ich die Bücher noch als Druckfahne oder PDF. Leider ist das mittlerweile etwas viel geworden und ich schaffe es tatsächlich nicht mehr, all die Bücher zu lesen. Ich tue es aber sehr gerne, denn ich freue mich, wenn ich anderen Autoren helfen kann. Ich selbst habe noch nicht ein „Quote“ von einem Autorenkollegen bekommen, obwohl ich mich sicherlich gefreut hätte. Aber ich hab’s ja auch so geschafft, Buchhändler und vor allen Dingen Buchkäufer von meinen Büchern zu überzeugen!

Wird man davon nicht ein wenig beeinflusst, wenn man so viele andere Bücher im Genre Thriller/Krimi liest?

Nein, überhaupt nicht! Das ist für mich Spaß-Lesen! Ich muss dazu sagen, dass ich wahnsinnig schnell lese, Bücher regelrecht verschlinge. Im letzten Urlaub hat mein Freund ein Buch gelesen, ich in der gleichen Zeit sieben. Da bleibt oft auch nicht viel hängen, muss ich zugeben. Es ist für mich Ablenkung, Entspannung, Vergnügen, aber keine Recherche oder gar Übung, wie ich es selbst machen würde.
Ich sehe keine Gefahr der Fremdbeeinflussung für mich. Ich habe meinen Stil gefunden und ihn über mittlerweile acht Bücher hinweg etabliert. Es wäre für mich bedeutend schwieriger, würde ich versuchen, mich da irgendwie zu verändern, weil  ich einem anderen nacheifern will.
Ich schreibe ja auch nicht erst seit zehn Jahren, sondern schon mein Leben lang. Da findet man zu sich selbst und dem Stil, der aus einem herauskommt.

Es ist eigentlich eher ungewöhnlich, dass deutsche Autoren in die USA “exportiert” werden. Wie ist es dazu gekommen und ist die Arbeit für oder mit dem amerikanischen Markt schwieriger bzw. anders als für den deutschen Markt?

Der amerikanische Markt ist für mich noch ganz neu. Schneewittchen schlägt sich ganz wacker, der Verlag ist zufrieden, hat schon eine dritte Auflage gedruckt. Es ist eine sehr große Ehre, nach USA verkauft zu werden, denn das ist tatsächlich selten. „Den Ritterschlag“ nannte mein Verlagschef das damals, als er mich anrief um mir mitzuteilen, dass die Verträge mit MacMillan unterschrieben seien. In einem neuen Markt als Autor Fuß zu fassen ist aufgrund der Masse an Büchern wirklich sehr, sehr schwierig und ich freue mich über kleine Erfolge, Anerkennung und positive Rezensionen, von denen es tatsächlich schon sehr viele gibt. Ich bin ohnehin noch immer völlig fassungslos darüber, dass meine Geschichten, die hier im Taunus spielen, in Korea, Japan, China, Russland, Brasilien, aber auch in Europa so gerne gelesen werden. In Japan hat „Tiefe Wunden“ erst letzte Woche einen sehr begehrten Leserpreis gewonnen! Leserpreise bedeuten mir sehr viel mehr als ein Jury-Preis, denn das spiegelt ja die Meinung der Menschen wider, die ich mit meinen Büchern erreichen will: die Meinung meiner Leserinnen und Leser.

Haben Sie schon mal eine Lesung in einem Frauengefängnis gemacht? Oder überhaupt in einem Gefängnis? Und glauben Sie, Sie wären in der Lage zu töten?

Nein, ich habe noch keine Lesung in einem Gefängnis gemacht. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich nicht in der Lage wäre, zu töten. Ich kann nicht mal eine Spinne erschlagen, bin ein sehr mitfühlender und respektvoller Mensch und bin in der Lage, zu denken bevor ich handele. Aggressivität, Hinterhältigkeit, Neid, Gier – das sind alles Eigenschaften, die ich fürchterlich finde und nur in meinen Büchern behandele.

Bekommen Sie vom  “ausländischen Ruhm” viel mit? Bekommen Sie auch mal Rückmeldungen von Lesern aus dem Ausland (z.B. auf Facebook) oder hatten Sie bereits Lesungen im Ausland?

Ja, ich bekomme Rückmeldungen meiner ausländischen Verlage und natürlich habe ich Kontakt zur Presse und den Lesern in den Ländern, in die ich eingeladen werde. Auf Facebook habe ich eine „internationale“ Seite gegründet, die aber bisher nur wenig frequentiert wird. Aller Anfang ist eben schwer, aber ich bin sehr neugierig, wie sich das in Zukunft entwickeln wird.

Abschließend noch eine letzte Frage: Sie haben Ende März auf Facebook gepostet, dass 2014 ein neuer Krimi erscheint. Vorher noch ein Buch, etwas ganz anderes…. Wird hier etwas mehr verraten? Vielleicht auch ein Erscheinungstermin?

Ja, ich kann dazu gerne etwas sagen. Vor Jahren habe ich angefangen eine Geschichte zu schreiben, die im Herzen Amerikas angesiedelt ist. In den letzten 25 Jahren bin ich ja so gut wie nie aus Hessen und Deutschland rausgekommen, weil mein Ex-Mann nur in seiner Firma sein wollte. So habe ich dann eben „Urlaub im Kopf“ gemacht und mich in ferne Länder weggeträumt.
Irgendwann habe ich mit meiner Agentin über diese Geschichte  gesprochen, ein Familienroman im weiteren Sinne, und sie war davon sehr angetan, hat sie meinem Verlag angeboten. Es steckte noch eine Menge Arbeit darin, aber es gefällt mir, mal ein anderes Genre zu schreiben als Krimis. Aber ich möchte nicht, dass Leute das Buch kaufen, weil „Nele Neuhaus“ draufsteht, deshalb werde ich mir ein Pseudonym zulegen (gar nicht so einfach!!!), das allerdings „offen“ gehandhabt werden soll. Das bedeutet, man weiß, dass ich hinter diesem Pseudonym stecke, aber es ist klar, dass es sich bei diesem Buch nicht um einen Taunuskrimi mit Bodenstein und Kirchhoff handelt.

Liebe Nele Neuhaus, ich bin mir sicher, dass ihre Leser Ihnen auch beim Pseudonym treu bleiben werden. Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview und den schonungslosen Blick hinter die Kulissen. Ich wünsche Ihnen – auch im Namen der Blogleser – alles Gute für die Zukunft!

Blick auf Nele Neuhaus Schreibtisch (© Nele Neuhaus)

Nele Neuhaus 2013

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Melanie Kilb
Tina Wolf
Claudia (Buchregal)

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

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Carina Bartsch_(C) PrivatWas ist es für ein Gefühl, wenn man mit dem Ausdruck “E-Book-Phänomen” beworben wird, wird einem suggeriert, dass man mit einem E-Book-Bestseller genauso “wertig” wie ein “Papier-Autor” ist oder gab es da gewisse Abwertungen? Ebenso wie als Selbstverlegerin?

Ehrlich gesagt habe ich vor und während der Selbstverlagsgründung damit gerechnet, dass mir sehr viel Abwertung nach der Veröffentlichung entgegengebracht wird. Ich kannte die Meinungen von Verlagsautoren und Verlagen, und die fallen über Selfpublisher wahrlich nicht immer positiv aus. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die Leser gemacht – hier durfte ich eine Offenheit erfahren, die mich nicht nur überrascht, sondern als Autor auch wahnsinnig glücklich gemacht hat. Den meisten Lesern ist es vollkommen egal, welches Label auf den Buchdeckeln steht. Alles, was zählt, sind die Seiten dazwischen. Wenn die überzeugen, spielt der Rest keine Rolle. Und letzten Endes sind Leser auch genau diejenigen, auf die es mir ankommt. Inzwischen interessiert es mich nicht mehr, welche Meinung eine Horde von elitär denkenden Autoren oder Verlegern über mich besitzt.

Als “eBook-Phänomen” beworben zu werden, ist natürlich ein tolles Gefühl. Diesen Ausdruck habe ich schlussendlich auch meinen Lesern zu verdanken, denn die haben meine Bücher zu diesen Phänomen gemacht. Für mich klingt das alles manchmal noch sehr befremdlich. Das letzte Jahr war wie ein abgefahrener Kinofilm, bei dem ich noch nicht ganz realisieren konnte, dass meine Bücher die Hauptrolle darin spielen.

Kam Ihnen die Idee zu “Kirschroter Sommer” im Sommer oder zu einer anderen Jahreszeit?

Die Idee zu “Kirschroter Sommer” ist bereits 2008 entstanden, und es müsste tatsächlich Frühling oder Sommeranfang gewesen sein, als ich mit dem Schreiben dazu begann.

Frau Bartsch, was war es für ein Gefühl als sich ein Verlag bei ihnen gemeldet hat um ihre Bücher zu verlegen, nachdem sie als eBook so erfolgreich waren?

Das war natürlich schon eine sehr verdrehte Welt. Ich hatte mit Verlagen und Agenturen bis dahin nur über Standardabsagen kommuniziert. Verlage waren für mich nichts anderes als riesengroße Mauern, hinter die man nicht blicken kann. Damals bin ich vor diesen Mauern gekrochen – und Jahre später öffnen sich in dieser meterdicken Steinwand auf einmal riesengroße Tore, aus denen Leute herauskommen und fragen “Frau Bartsch, wir würden gerne ihr Manuskript drucken. Dürfen wir?”
Das schockt. Trotzdem war das Gefühl ein anderes, als es noch vor zwei Jahren der Fall gewesen wäre. Die Zeiten hatten sich geändert. Ich habe es selbst zu Erfolg gebracht, ohne die Hilfe eines Verlags. Ich war kein NoName mehr, und hatte nicht nur Leser, sondern auch Fans.

Cover_Bartsch_SommerKonnten Sie bei den Covern zu Ihren Bücher mitreden oder wurden diese vom Verlag vorgegeben? Wenn Zweites der Fall ist, was hätten Sie anders gemacht?

Die Cover wurden von mir selbst gestaltet und entworfen. Dem Rowohlt Verlag haben sie gefallen, und daher wurden sie auch prompt übernommen.

Im Nachhinein ist man ja immer schlauer! – Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie alles noch einmal genau so machen  – sowohl die Schule, als auch die Lehre abbrechen?

Einerseits ja, einerseits nein. Ich habe es sehr lange bereut, dass ich Schule und Lehre abgebrochen habe. Mit einer Ausbildung oder einem Schulabschluss kann man niemals etwas verkehrt machen. Entweder braucht man es, oder man braucht es nicht – aber es ist nie ein Fehler. Dieses Defizit hat mir mein Leben oft sehr schwer gemacht. Es wird einem nicht gerade mit Anerkennung gegenübergetreten, wenn man nichts dergleichen vorzuweisen hat.
Anderseits haben mich aber genau diese Erfahrungen zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Abweisungen und Ablehnung sind oftmals hart, aber sie formen den Charakter. Ich habe sehr viel daraus gelernt, mir eine gewisse Stärke angeeignet, bin stolz darauf, dass ich niemals etwas geschenkt bekommen habe, und weiß mit voller Überzeugung, dass es falsch ist, Menschen aus oberflächlichen Gründen herabzustufen.

Hatten Abbruch von Lehre und Studium bereits mit dem Gedanken an das Schreiben zu tun?  Und fließen diese Erfahrungen in ihre Bücher mit ein?

Jain. Zu dieser Zeit habe ich das Schreiben noch nicht gefunden, aber im Herzen war ich wohl schon immer Künstler. Das Problem war, dass ich sehr lange gebraucht habe, mich in der Welt zurechtzufinden. Ich verstehe die Welt und die Menschen oftmals nicht, verstehe nicht, warum Dinge sind wie sind, und niemand etwas ändert. Mein Kopf war immer woanders, aber nie dort, wo er gerade hätte sein sollen. Ich musste erst lernen, dass ich die Welt nicht ändern kann, sondern nur mich selbst.

Ich kann nicht sagen, dass ich bewusst meine eigenen Erfahrungen in Geschichten mit einfließen lasse, aber irgendwie spürt man bei jedem Buch, zumindest bei denen, die aus Leidenschaft geschrieben wurden, immer auch den Menschen dahinter.

Wie hat Ihre Familie auf Ihren “Bestimmungsfindungsweg”, also abgebrochene Schulen und Lehren, reagiert und was halten sie von Ihrem Beruf als Autorin?

Tja, wie finden Eltern und Familie das wohl, wenn die Tochter/Enkelin alles, was sich in der Gesellschaft bewährt und etabliert hat, hinwirft und sich stattdessen mit brotloser Kunst beschäftigt? Das ist nicht gerade das, was man sich für den Nachwuchs vorstellt. Außerdem hat es auch niemand verstanden. Ich bin, wenn ich nicht gerade auf der Leitung stehe, nicht auf den Kopf gefallen, und hätte locker die Realschule beenden oder aufs Gymnasium wechseln und studieren können. Aber das war einfach nie meine Welt. Was auf dem Lehrplan stand, hat mich nicht interessiert. Und was fürs Leben wirklich wichtig ist, das Geistige, das lernt man nicht in der Schule.
Inzwischen sind meine Eltern und meine Familie sehr stolz. Mein Opa fängt jedes Mal an zu weinen, wenn er meine Bücher sieht oder ich darüber rede. Es wird mir wirklich sehr gegönnt, dass ich endlich das tun kann, was ich liebe, und auch noch Erfolg damit habe.

Cover_Bartsch_WinterSchreiben Sie bereits am nächsten Roman? Wenn ja, was können Sie darüber schon verraten?

Gerade im Moment befinde ich mich im Urlaub und habe endlich den Kopf freibekommen, mich wieder dem Schreiben zu widmen. Es gibt sehr viele Ideen und oftmals fällt es mir schwer, mich zu entscheiden, welche ich davon als Nächstes umsetze. Inzwischen ist diese Entscheidung gefallen. Verraten kann ich schon mal, dass sowohl Liebe als auch Drama wieder eine Rolle spielen werden.

Ist eventuell sogar eine Fortsetzung der beiden Romane geplant?

Die Nachfrage nach einem dritten Band ist sehr groß. Es gibt noch Ideen, allerdings bin ich kein Fan vom „Ausschlachten“. Entweder ich habe dem Leser wirklich noch etwas zu bieten, oder ich höre auf, wenn es am Schönsten ist. Ob die Ideen für Ersteres ausreichen, habe ich für mich noch nicht beantworten können. Ich widme mich jetzt erst mal einer anderen Geschichte, und werde mir genau durch den Kopf gehen lassen, ob Emely und Elyas sich in einem dritten Band wiedersehen werden.

Wo nehmen Sie die Energie und das Durchhaltevermögen zum Schreiben von Romanen her?

Um ehrlich zu sein, schaffe ich nicht jede Geschichte zu beenden, manchmal werden die Zweifel an der jeweiligen Story einfach zu groß und mein Kopf macht dicht. Und bei jenen, die ich zu Ende brachte, ist die Antwort immer dieselbe: Beißen, beißen, beißen. Die ersten paar Kapitel, wenn ich gerade im Schreibewahn und im Fieber einer neuen Idee stecke, gehen meist wie von selbst, aber ab dem fünften oder sechsten Kapitel steigt der Grad der Herausforderung deutlich an. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich den PC oder Laptop schon in seine Einzelteile zerlegen wollte. Ich muss sowohl mit dem Kopf als auch mit dem Herzen dabei sein – monotones Runterrattern geht bei mir nicht. Tja, und irgendeiner ist immer bockig, entweder der Kopf oder das Herz. Mein schlimmster Feind sind definitiv die Zweifel. Ich stelle immer wieder alles in Frage, und je intensiver ich das tue, desto schlechter kommt mir die Geschichte und das Geschriebene vor. Dann ist natürlich jegliche Motivation dahin. Was mir unheimlich in solchen Zeiten hilft, sind Meinungen von Außenstehenden. Ich habe das große Glück, dass ich vor ein paar Jahren durch ein Schreibforum ein paar andere Autoren kennengelernt habe. Wir unterstützen uns gegenseitig, lesen die Geschichte des jeweils anderen gegen und geben konstruktives Feedback dazu ab. Entweder stellt sich dadurch heraus, dass meine Zweifel unbegründet sind, oder die Kritik hilft mir dabei, wieder Ordnung in meinem Kopf zu bekommen und gradlinig anzugehen, was im Text verbessert werden muss, damit ich zufrieden bin.

Wie viel von Ihnen steckt in Emily?

Ich glaube, diese Frage ist mir bisher in jedem Interview gestellt worden. Das Interesse daran scheint sehr groß zu sein. Was Emely und ich gemeinsam haben, ist auf jeden Fall der Sarkasmus und die Leidenschaft zum Fluchen. Schimpfwörter retten Leben! Jeder, der sich schon mal den kleinen Zeh an einer harten Kante gestoßen hat, hat eine ungefähre Ahnung, wovon ich rede …

Was lesen Sie selbst gerne? Haben Sie einen ultimativen Buchtipp für diesen Winter?

Ich selbst lese eigentlich weniger Liebesromane. Nicht, weil ich das Thema nicht mag, ganz im Gegenteil, sondern eher deswegen, weil mich die meisten Liebesromane von der Umsetzung nicht ansprechen. Ein Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen könnte, wäre „Die Einsamkeit der Primzahlen“. Gut geschrieben, sehr emotional, traurig und trotzdem in sich sehr schön.

Liebe Frau Bartsch, vielen Dank für dieses sehr interessante und aufschlussreiche Interview! Ich wünsche Ihnen von Herzen weiterhin alles Gute und wünschte mir, dass mehr Menschen so intensiv wie Sie ihre Träume verfolgen würden.

Das Buchpaket aus der Verlosung geht an

Nadja Schettler

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

Kirschroter Sommer als E-Book (KLICK), Kirschroter Sommer als Buch (KLICK)

Türkisgrüner Winter als E-Book (KLICK), Türkisgrüner Winter als Buch (KLICK)

Read Full Post »

KarmaFrau Wagner, ist das Buch ein Versuch die durch diesen etwas anderen Job erlebten skurrilen Erfahrungen zu verarbeiten?

Nein, eigentlich. Es ist eher ein Buch, das den Versuch unternimmt, gleichzeitig zu unterhalten und aufzuklären.

Wie kommt man denn auf die Idee, einen Orakelkartenkurs zu belegen!?

In dem Buch gibt es ein ganzes Kapitel darüber, wie ich auf die Idee kam. Zum einen aus purer Neugier wie das Kartenlegen überhaupt funktioniert und zum anderen, weil ich wissen wollte, was wirklich davon zu halten ist.

Hatten Sie vor ihrem ersten Orakelkartenkurs schon einmal selbst als Gast eine Esoterikmesse besucht, auf denen man ja meistens gleich mehrere Kartenleser antreffen kann?

Nein, überhaupt nicht. Und vermutlich hätte ich es auch nie getan, wenn ich mich nicht zwei Freundinnen angeschlossen hätte.

Was halten Sie von Palmblattlesungen? Es soll ja für jeden Menschen ein ganz persönliches Palmblatt geben, in dem das Schicksal geschrieben steht.

Mit Palmblattlesungen kenne ich mich nun gar nicht aus. Es hört sich aber ähnlich wie Kaffeesatzlesen an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auf einem Palmblatt das Schicksal eines Menschen finden kann. Deswegen würde ich es für mich eher in die Rubrik „Esoterische Unterhaltung“ einordnen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Sie nun nicht mehr als Kartenleserin in der Öffentlichkeit tätig. Was hat sie bewogen, dies nicht mehr zu tun?

Die Zunehmende Verschuldung der Kunden und auch die Tendenz der Anrufer, ihr ganzes Leben nach Kartenbildern zu richten, sowie die aggressive Geschäftspolitik der Hotlines haben mich darin bestärkt, dass ich mich besser mit der Gegenwart, denn mit der Zukunft beschäftigen sollte.

Haben Sie in ihrem eigenen Leben schon einmal erlebt, dass eine ihnen selbst vorhergesagte Situation tatsächlich eingetreten ist?

Ja. :-)

In welchen Bereichen halten Sie es für vertretbar, sich einen Rat von einem esoterischen Lebensberater einzuholen, und wo würden Sie die Grenze ziehen?

Die Grenze ziehe ich ganz klar, wenn es nicht mehr um den reinen Spaßfaktor und Unterhaltungswert geht, sondern mit esoterischer Lebensberatung existenzielle Probleme gelöst werden sollen.

Gibt es irgendjemanden aus dem Kreis der esoterischen Lebensberater, dem Sie selbst vertrauen würden? Hierbei geht es mir nicht darum, einen konkreten Namen zu erfahren, sondern eher um die generelle Frage, ob Sie jemandem aus diesem Bereich Ihr Vertrauen entgegenbringen würden.

Nein, da gibt es niemanden. Warum? Weil ich meine Zukunft immer selber gestalten kann und deswegen niemand wirklich meine Zukunft voraussagen kann.

Was war das verrückteste oder witzigste, was Sie je über Ihre Kunden herausgefunden haben?

Ich hatte mal eine Kundin, die tatsächlich geglaubt hat ihr Kater sei die Reinkarnation von Hitler.

Glauben Sie selbst zu 100 % den Ergebnissen Ihrer Karten?

Absolut nein!

Wem würden Sie gerne mal die Karten legen?

Angela Merkel.

Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit als Kartenlegerin an Erfahrungen mit?

Viel Menschenkenntnis und die Fähigkeit mich auf die verschiedensten Leuten und deren Lebenssituationen einzustellen. Aber auch die Erfahrung, wann es sinnvoll ist Grenzen zu ziehen und die Leute in professionelle Hände weiterzugeben.

Liebe Bianca Wagner, ich bedanke mich – auch im Namen meiner Blogleser – für Ihre Antworten und wünsche Ihnen für die Zukunft ohne Karten alles Gute!

Das Buch aus der Verlosung geht an

Sabine (Büchermaus)

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

Read Full Post »

Stephanie Fey Foto kleinWie sind Sie zur Schriftstellerei gekommen?

Bücher und Geschichten, das ist meine Welt, aber Verlage wollten erst mal nur meine Bilder und so wurde ich Illustratorin, hauptsächlich für Kinder- und Jugendbücher, bis es mit dem ersten Roman klappte.

Woher nehmen sie Ihre Ideen für ihre Romane? Sind das spontane Einfälle oder lange Überlegungen und Vorbereitungen?

Alle Geschichten denke ich mir zusammen mit meinem Mann Thomas aus. Wir werfen uns, auf dem Sofa sitzend oder beim Frühstück, die Ideen zu und ich schreib sie auf. Unsere drei Kinder sind das mittlerweile gewöhnt, dass das manchmal etwas gruselig-skurrile Themen beim Essen sind.

Was hat Sie bewogen, als Autorin das Genre Thriller zu wählen? Gibt es Autoren, die Sie inspiriert und angeregt haben?

Als Leserin liebe ich den Krimi, Henning Mankell, Stephen King, Karin Fossum, Hakan Nesser, Stieg Larsson. So lag es nahe, dass ich mich auch in einem Krimi versuchte. Das Thrillergenre wählte ich, weil ich mal nicht nur die klassische Mördersuche beschreiben wollte, sondern auch die Opfersicht, wie es sich aus Sicht der Rechtmedizin anbietet.

Woraus entstand ganz speziell die Idee zum Buch “Die Verstummten“? Für mich hört es sich an wie eine kleine Meldung in einer Zeitung und diese Geschichte weitergesponnen und mit Hintergrund versehen.

Genauso war es, mein Mann hörte im Radio die Meldung: Geisterfahrer auf der Autobahn, seine Eltern ermordet im Bett vorgefunden. Er kam in mein Schreibzimmer und sagte, was-wäre-wenn er seine Eltern gar nicht ermordet hat, wenn er auf die falsche Seite der Autobahn geflohen ist, weil er auf der Flucht vor jemandem war? Was-wäre-wenn, so entstehen alle Geschichten.

Wie lange hat dann die Entwicklung des Thrillers “Die Verstummten” gedauert?

Eineinhalb Jahre, von der Idee bis zur Veröffentlichung.

Die wahre Leidenschaft Ihrer Protagonistin ist die Gesichtsrekonstruktion. Wie kamen Sie auf diese ungewöhnliche Tätigkeit und was fasziniert Sie besonders daran?

Ich lernte eine echte Gesichtsrekonstrukteurin kennen, mittlerweile sind wir befreundet. Sie liest meine Manuskripte und berät mich bei der Fallentwicklung, außerdem besuche ich sie oft und kriege so Einblick in ungewöhnliche Schauplätze. Mich fasziniert dieses ganz existenzielle Bedürfnis aller Menschen daran, die Suche der Identität, die ja ein unbekannter Toter verloren hat. Eine Gesichtsrekonstrukteurin gibt Opfern ihr menschliches Gesicht zurück und den Angehörigen damit die Möglichkeit um ihre Verstorbenen zu trauern.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Cover und dem Inhalt des Buches?

Ja, auf mehreren Ebenen, es könnte die Hauptfigur Carina sein, die sich auf der Suche nach der Wahrheit fühlt, als würde sie unter Wasser gedrückt. Es kann aber auch Iris sein, die an einer Stelle im Roman aus dem Wasser aufsteigt, weil sie endlich begreift, dass sie nur benutzt wurde. Es kann aber auch die tote Olivia sein, die …, naja, das würde jetzt zuviel verraten.

Wie lange haben sie an Ihrem Durchbruch gearbeitet?

Mein erster Roman „Das Gedächtnis der Lüge“ erschien 2008 in einem Kleinverlag, ich hatte das Gefühl jedes Buch persönlich einem interessierten Leser ins Haus zu tragen. Dabei hatte ich sieben Jahre an dem Roman geschrieben, also seit 2001. Trotzdem war es ein Anfang, für den ich sehr dankbar bin. Erst mit dem Buchvertrag für „Die Gesichtslosen“ beschloss ich hauptberuflich zu schreiben, das war 2011.

Schreiben Sie auch Bücher unter anderen Pseudonymen?

Ja, als Rebecca Abe habe ich den historischen Kriminalroman „Im Labyrinth der Fugger“, Gmeiner Verlag, geschrieben.

Welche Mittel und Medien benutzen Sie, um für einen neuen Roman zu recherchieren?

Ich treffe mich mit „meiner“ Rechtsmedizinerin und erzähle ihr von meiner Idee, dann gibt sie mir Tipps. Außerdem lese ich Sachbücher zum jeweiligen Thema und befrage, wenn möglich, Zeitzeugen. So wie z. B. bei „Die Verstummten“, den Sprachprofiler Raimund Drommel.

Durften Sie schon live bei einer Schädelkonstruktion dabei sein und haben Sie das mit zur Recherche benutzt?

Live ist übertrieben, weil es sich ja um eine wochenlange Arbeit handelt, wie bei einer Bildhauerin, da würde auch ein Zuschauer nur stören. Aber ich habe die Arbeitsschritte live gesehen und bin auch immer wieder im Gespräch mit der Gesichtsrekonstrukteurin, wenn sie neue Schädel rekonstruktiert.

Verarbeiten Sie u. a. auch persönliche Erfahrungen in Ihren Büchern?  

Ja, aber nur so, dass in jeder meine Figuren auch was von mir und meiner Familie drin steckt, Szenen, Erlebnisse, übertragen auf die Geschichte erkennen das aber nur ganz enge Freunde oder meine Familie eben.

Wie stehen Sie zu Verfilmungen von Büchern? Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Bücher verfilmt werden und wenn ja, hätten Sie Du schon (deutsche) Schauspieler als Wunschbesetzung?

Das kann ich mir gut vorstellen, meine Traumcarina wäre Nadja Uhl.

Sie schreiben Thriller. Ist das auch Ihr bevorzugtes Genre was sie privat lesen oder darf es da dann auch gern etwas  anderes sein?

Wie oben bereits gesagt, ist Krimi und Thriller meine Lese- und Filmleidenschaft. Ich lese aber auch sehr gerne Gegenwartsromane, historische Romane und Kinder- und Jugendbücher.

Kann man Sie auf der “Leipziger Buchmesse” treffen?

Ja, ich bin am 15. und 16. März tagsüber am Heyne-Stand  anzutreffen und lese um 17 Uhr im Literaturforum, Halle 3 ‘buch aktuell’ Stand E401 und um 19 Uhr mit meinen Kollegen Volker Klüpfel & Michael Kobr und Titus Müller u. a. KrimiClub im Landgericht Harkortstraße 9, 04107, Leipzig (Süd) und würde mich sehr freuen, Leser und Leserinnen zu treffen!

Liebe Stephanie Fey, ich bedanke mich – auch im Namen meiner Blogleser – für dieses aufschlussreiche Interview und wünsche Ihnen für alle weiteren Projekte alles Gute!

Das Buch aus der Verlosung geht an

Kerstin Marquardt

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

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Portrait Thiesler_Sabine Copyright Christian Thiel _300dpi_14246Welches ist der erste Ansatz für einen Thriller und wo nehmen Sie die Inspiration für Ihre Bücher her?

Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch und habe eine extreme kriminelle Phantasie, daher sehe ich ständig vor mir, was wann wo und wie überall passieren könnte. Und plötzlich habe ich eine Idee, die meist eine aufregende Situation ist oder ein interessanter Charakter. Und wenn mich die Idee nicht mehr loslässt und ich mir vorstellen kann, mich ein ganzes Jahr damit zu beschäftigen, beginne ich zu schreiben und lasse die Geschichte ganz langsam entstehen und wachsen.

Wie sind sie auf das Genre Thriller gestoßen? Haben Sie sich als Jugendliche schon für Krimis bzw. Mord und Totschlag interessiert?

Ja. Sehr. Es begann als Kind mit Enyd Blyton, mit den „Geheimnis“- den „Fünf Freunde“- und den „Abenteuer-Büchern“, als ich etwas älter wurde habe ich mit Begeisterung die gesamte Highsmith verschlungen und habe mein Leben lang gern Thriller gelesen. Subtile, gemeine Thriller. Kein action. Und ich schreibe, was ich gern lesen würde.

Ich würde gerne wissen, was Sie als schwieriger empfinden/empfanden. Zum ersten Mal einen kompletten Roman schreiben und sich darin zurechtfinden, oder weitere Romane schreiben, die den Anforderungen vom Verlag und denen der Leser gerecht werden sollen?

Den „Kindersammler“ schrieb ich, weil ich mir zwanzig Jahre lang gewünscht hatte, endlich einen großen Roman zu schreiben. Aber ich hatte nie Zeit, hatte zu viele Verträge beim Fernsehen. Irgendwann hab ich es dann möglich gemacht und landete gleich einen Riesenerfolg. Das war nicht schwer. Schwer war, danach weiter zu machen. Die Erwartungen weiterhin zu erfüllen. Zumal man immer denkt, wenn man einen Roman fertig hat: Jetzt ist Schluss, jetzt fällt mir nichts mehr ein. Aber es geht doch immer irgendwie weiter…

Welche “Tatort” – Folgen und welche Ermittler wurden denn ganz speziell erst durch Ihre Drehbücher ins Leben gerufen?

Erfunden und ins Leben gerufen habe ich Inga Lürsen (Sabine Postel) für den Bremer Tatort.

Sie selbst haben auch als Schauspielerin gearbeitet. Könnten Sie sich vorstellen wieder vor die Kamera zu treten?

Nein. Das ist vorbei. Da hätte ich keinen Spaß mehr dran.

Was gefällt Ihnen besser? Im Hintergrund tolle Geschichten verfassen oder auf der Bühne stehen und präsentieren?

Im Hintergrund tolle Geschichten verfassen…

Ist Ihnen schon selbst einmal etwas passiert, das Sie dann in einem Ihrer Bücher mit eingebracht haben? Oder anders gefragt: wie viel Sabine Thiesler steckt in Ihren Büchern?

Ich glaube, Bücher, wie ich sie schreibe, kann man nicht mit zwanzig schreiben. Man braucht viel Lebenserfahrung, denn nur durch Erfahrung kann man Phantasien entwickeln. Natürlich habe ich die haarsträubenden Geschichten in meinen Büchern nicht selbst erlebt, aber auf Grund der Summe all meiner Erfahrungen waren diese Phantasien möglich. Und wenn man es so sieht, steckt 100 % Sabine Thiesler in meinen Büchern.

Welches Ihrer Bücher ist ihr persönliches Lieblingsbuch und aus welchem Grund?

Weiß ich nicht. Kann ich nicht sagen. Und das Komische ist, dass auch jeder meiner Freunde ein anderes Lieblingsbuch hat.

Könnten Sie sich die Verfilmung Ihrer Bücher vorstellen? Oder ist eine Verfilmung bereits geplant?

Natürlich könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Aber das will gut überlegt sein. Ich habe schon einige Verfilmungsvorschläge abgelehnt, weil ich Angst hatte, dass die Geschichten verflachen und kaputt gehen. Im Moment laufen wieder neue Gespräche.

Schreiben Sie persönlich lieber Drehbücher oder Romane?

Romane!!!! Viel viel viel lieber!

Wie lange braucht bei Ihnen ein Manuskript zum Buch?

Ein bis anderthalb Jahre.

Sie haben ja Drehbücher für “Tatort” und “Polizeiruf 110″ geschrieben. Finden sie die Qualität der aktuellen Folgen beider Serien noch in Ordnung?

Selten. Das liegt vor allem an dem wachsenden Dilettantismus der sogenannten Schauspieler. Damit meine ich nicht die Kommissare. Es sind viele Laien unterwegs, die nur  wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes engagiert werden, und keinen verständlichen Satz über die Lippen bringen. Und dann haben sie es mit Regisseuren zu tun, die sich daran weiden, grün-graue Kunstbilder zu erschaffen, aber einen hilflosen Schauspieler nicht führen können, weil sie von der praktischen Seite dieses Berufs nichts verstehen. Es ist frustrierend.

In “Bewusstlos” werden Themen wie Kindesmissbrauch und der Tod eines Kindes thematisiert. Können Sie ruhig schlafen, wenn Sie an solchen Szenen arbeiten?

Es ist schon belastend, wenn man sich mit diesen Themen auseinandersetzt, zumal die Figuren meiner Bücher  über Monate vierundzwanzig Stunden am Tag in meinem Kopf präsent sind. Sie werden zu einem Teil meines Lebens, sitzen quasi zu Hause mit am Tisch. – Aber wenn ich dann eine schwierige, schlimme Szene geschrieben habe, und ich das Gefühl habe, sie ist gut und richtig, dann ist das wie eine Befreiung.

Fürchten Sie sich ab und an selbst beim Schreiben oder bei den Gedanken über Ihre Bücher?

Wie schon gesagt: Ich fürchte mich immer, aber beim Schreiben weniger.

Ihr Hauptdarsteller in diesem Buch, Raffael, hat ja ein medizinisches oder zumindest psychologisches Problem mit seinem Gedächtnis. Wie haben Sie für diese Erkrankung recherchiert oder gab es einen tatsächlichen Fall, dem die Geschichte nachempfunden ist?

Ich habe viel über Alkoholismus gelesen, und ich glaube, einen Filmriss hatte vielleicht  jeder schon mal . Was mit Raffael passiert, ist durchaus nachvollziehbar, und wahrscheinlich kennt auch jeder einen „Raffael“ in seinem Umfeld. – Ein Mensch, der schwer traumatisiert ist und im Vollrausch mordet, ohne sich daran erinnern zu können, hat mich interessiert.

Wie entspannen Sie sich nach einem intensiven Schreibtag?

Mit einem wunderbaren Glas Rotwein am Kamin oder im Sommer auf der Terrasse…

Was verbinden Sie persönlich mit der Toskana und warum findet man diese immer wieder in Ihren Büchern erwähnt?

Da ich in der Toskana lebe und mich hier auskenne, spielen meine Geschichten hier und in meiner ursprünglichen Heimat Deutschland. Man kann nur dort seine Phantasie wandern lassen, wo man in Gedanken spazieren gehen kann. Man muss wissen, wie es an einem Ort riecht, welche Geräusche und Verstecke es gibt, um ihn zum Schauplatz einer Situation werden zu lassen.

Können Sie sich vorstellen für Ihre Bücher einmal ganz andere Schauplätze auszuwählen  -  nicht Berlin und nicht die Toskana? An welchem außergewöhnlichen Ort würden Sie gerne mal einen Thriller spielen lassen?

Auf dem Meer. Ich bin dabei…

Haben Sie überhaupt selbst Zeit zum Lesen und welches ist ihr persönlicher Buchtipp für den Winter? Lesen Sie privat auch Thriller?

Ja, sicher, ich will wissen, welcher Wind durch den Buchmarkt weht. Aber einen besonderen Buchtipp habe ich jetzt nicht. Die Kollegen schreiben alle so ganz anders als ich, schreiben eher Ermittlungskrimis, die mich nur wenig interessieren.

Welches Buch hätten Sie selbst gern geschrieben?

Die Säulen der Erde.

Hätten Sie gerne ein Pseudonym? Und welches würden Sie wählen?

Nein. Es ist okay so. Aber wenn, dann müsste der Name früher im Alphabet vorkommen. Für die letzten Buchstaben im Alphabet ist in den Buchhandlungen in den Regalen oft kein Platz mehr.

Frau Thiesler, kann ich Sie demnächst auf einer Lesung treffen? Wenn ja, wo?

Ich lese am 11.3. in Reutlingen oder in Neustadt an der Weinstraße (das steht noch nicht fest), am 12.3. in Göttingen, am 14.3. in Leipzig, am 15.3. in Halle, am 17.3. in München, am 18.3. in Schweich (bei Trier) und am 20.3. in Verl (bei Gütersloh).  – Die genauen Adressen und Anfangszeiten kann man der Heyne-Homepage im Internet entnehmen.

Liebe Sabine Thiesler, ich bedanke mich – auch im Namen meiner Blogleser – für dieses ausführliche Interview und wünsche Ihnen für alle weiteren Projekte alles Gute!

Das Buch aus der Verlosung geht an

Markus H.

Herzlichen Glückwunsch!

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